Die Lieben

Spontane Sonnenenergie: Ein Open-Source-Generator ohne Öl

© SunZilla / ST. Weicken

„So sexy wie Apple, so offen wie wikipedia“ war ein Slogan, dem sich Ende September rund 100 Entwickler*innen während des Innovations-Camps POC21 bei Paris verpflichtet fühlten. Ein weiterer Slogan lautete „Zukunft selbstgemacht statt Endlosdebatten“. Die 12 Projekt-Teams, die aus über 100 Bewerbungen ausgewählt und eingeladen wurden, tüftelten und präsentierten Produkte, die das Prädikat „sexy“, selbstgemacht und zukunftsgerichtet tatsächlich verdienen – und offenen waren die Projekte allesamt sowieso, weil sie dem Open-Source-Ansatz folgten und somit das Wissen zur Produktion jeder/m verfügbar machen.

Der Name des Camps spielt auf die gerade laufende Klimakonferenz in Paris an – dessen offizieller Name ist COP21. Fünf Wochen lang arbeiteten die Entwickler*innen an ihren Ideen – und profitieren dabei von der Infrastruktur und der gegenseitigen Unterstützung. Startup-gefluester hat einige der Ideengeber*innen und Sozialunternehmer*innen befragt – zu ihrer Idee, ihrer Vision, der Rolle von Open Source und nach Tipps für andere Social Entrepreneurs.

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„Es ist uns eine Herzensangelegenheit, durch kreatives und engagiertes Handeln eine nachhaltige Zukunft mitzugestalten, und bildet unsere finanzielle Lebensgrundlage.“

Vivien Barnier ist Co-Founder von SunZilla – einem Projekt, an dem er seit zwei Jahren zusammen mit vier weiteren Personen mit Ingenieurshintergrund arbeitet: Joscha Winzer, Leonie Gildein, Jochen Rueß
und Laurin Vierrath. Nebem dem gemeinsammen Projekt verbindet die fünf Freund*innen auch eine Liebe zum „open-source“ Konzept. Im Interview spricht Vivien Barnier über einen tragbaren Sonnen-Generator, der kein Benzin sondern Sonnenschein zur mobilen Stromerzeugung benötigt.

Was versteckt sich hinter dem Namen SunZilla?

SunZilla ist ein tragbarer, solar-betriebener Generator, der laute und umweltverschmutzende Diesel-Generatoren ersetzen soll. Unser Generator ist eine saubere und einfach zu nutzende Alternative um abgekoppelt vom öffentlichen Versorgungsnetz Energie zu erzeugen – sei es für Outdoor-Events, abgelegene Gegenden, Geflüchteten-Kamps oder auch im Falle von Notfällen. SunZilla ist open-source, tragbar, modular und zur sofortigen plug-and-play-Nutzung gebaut. Mit diesem Eigenschaften unterscheidet sich SunZilla von anderen bereits existierenden Konzepten und Produkten. Wir haben die Vision für eine ganze Reihe von Anwendungen, die mit SunZilla verwendet und betrieben werden können – wie etwas Wasserreinigung, Heizen oder Telekommunikation.

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Wie hat sich eure Idee entwickelt? Wann und wie hat die Idee Form angenommen?

Das Projekt ist direkt aus unserer langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit im Rahmen des Bootschaft e.V. entstanden. Wir organisieren verschiedene öffentliche Veranstaltungen und Workshops zu Themen im Bereich Kultur und Umwelt. Da unsere Arbeit fast ausschließlich im draußen stattfindet, waren wir oft auf konventionelle Stromgeneratoren angewiesen. Daher bauten wir einen mobilen Solargenerator für unsere Veranstaltungen. Bekamen aber von vielen Seiten sehr begeistertes Feedback. Da wir aus dem SunZilla-Team alle vor dem Abschluss unseres Studiums standen und große Begeisterung fürs gemeinsam und selbstbestimmt gestalten haben, entschieden wir uns diese Idee weiter zu verfolgen uns zu professionalisieren. Durch ausgiebige Unterstützung von den Macher*innen des POC21 konnten wir uns und vor allem unser Produkt im Jahr 2015 sehr gut weiter entwickeln.

 

Wie konntet ihr euer Projekt finanzieren?

Bisher haben wir uns durch das Förderprogramm Climat KIC vom European Institute for Innovation and Technologie (EIT) finanziert. Diese Förderung reichte aber gerade dafür, die Materialkosten des Prototypen 2.1 zu decken. Außerdem wurden wir durch das POC21 neben der nicht-materillen Hilfe auch durch die Übernahme von Materialkosten unterstützt. Ansonsten haben wir uns bisher durch unsere eigene unvergütete Arbeit „finanziert“. Momentan sind wir tatsächlich ganz akut auf der Suche nach Finanzierung um die nächste Produktentwicklungsphase zu finanzieren und dabei auch mal uns für unsere Arbeit zu entlohnen.

 

Wieviele Menschen nutzen SunZilla im Moment?

SunZilla wurde bisher noch nicht verkauft. SunZilla wurde aber über den Sommer auf 5 Festivals und Camps eingesetzt. Derzeit unterstützt der SunZilla 2.1 die Versorgung einer Werkstatt und Atelier Anlage auf dem Berliner Teufelsberg.

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Wann wird Sunzilla in größeren Stückzahlen produziert und verkauft werden?

Derzeit planen wir die Produktion von ca. 20 SunZillas bis zum Sommer 2016 zum Verkauf und zur Vermietung. Im Jahr 2017 soll dann eine Kleinserienproduktion realisiert werden.

 

Was waren die wichtigsten Entwicklungsschritte?

Wir haben uns – obwohl wir uns seit Jahren kennen und zusammen arbeiten – ausführlich Zeit dafür genommen, nochmal festzulegen, was wir genau wollen, wie unsere einzelnen und gemeinsamen Visionen aussehen und wie wir sie erreichen können und wollen. Im Rahmen der Produktentwicklung, sind wir durch mehrere Iterationsschleifen gegangen. Zunächst haben wir nochmal konzeptionell unsere aller erste Version überdacht und uns sind viel Details klar geworden, die dazu geführt haben, dass wir ein viel besseres und handlicheres Produkt entwickeln konnte. Vor dieser Phase stand allerdings noch die Phase der Aquierierung einer Anschubsfinanzierung. Nach der ersten Überarbeitung unseres ersten Modells haben wir den SunZilla 2.1 über den Sommer auf verschiedenen Festivals zum Einsatz gebracht. Mit den Erfahrungen aus diesen Einsätzen sind wir dann auf das 5-wöchige Open Source Innovations Camp POC21 gefahren auf dem wir noch mal von Grund auf die Konzept-Idee sowohl aus technischer Sicht als insbesondere Projekt/Geschäftsmodell-Entwicklungssicht. Momentan befinden wir uns in einer intensiven Phase der Geschäftsmodell-Entwicklung. Parallel läuft aber gerade wieder die nächste und entscheidende Runde der technischen Produktentwicklung.

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Auf welche Schwierigkeiten seid ihr während eurer Arbeit gestoßen?

Ein wichtiges Problem, auf das wir gestoßen sind, ist dass wir zwar alle im Team technisch und handwerklich versiert sind, allerdings für einige spezielle Tätigkeiten uns schlicht die Erfahrung fehlte und so einige Arbeitsschritte viel länger dauerten als geplant und nötig.

Außerdem ist es eine Dauerschwierigkeit bei uns, dass uns gewissen Erfahrungen und Fähigkeiten im business development fehlen. Wir sind zwar diesem Thema nicht grundsätzlich abgeneigt sondern sogar sehr offen und interessiert an neuen Ideen. Aber Erfahrungen aus dem klassischen busisness development wären sehr hilfreich gewesen.

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Welche Vision verfolgt ihr mit eurer Idee?

Wir wollen mit unserem modular und open source gedachten Projekt die open source Entwicklung rund um erneuerbare Energie vorantreiben. Damit wollen wir einen entscheidenden Beitrag zur sozial sowie ökologisch nachhaltigeren  Energieversorgung in Orten mit schwacher Infrastruktur schaffen. Durch die Verbreitung von kleinen dezentralen Energieerzeugungseinheiten sowie durch die mit open source Gedanken verknüpfte Verbreitung von Wissen und Befähigung von Menschen wird die Energiewirtschaft ent-monopolisiert und einer Monopolisierung vorgebeugt.

 

Inwiefern ist der Open-Source-Ansatz wichtig für euer Projekt?

Wir lieben open soure hardware! Für uns ist es elementar wichtig, dass Wissen rund um die Technologien erneuerbarer Energie zu verbreiten. Unser gesamtes Konzept baut darauf auf, dass es neben den üblichen Konsumenten, die ein fertiges, funktionierendes Produkt haben wollen, auch immer mehr Menschen gibt, die selbstbestimmter Leben wollen und daher auch Gegenstände und Dienstleistungen, die sie in Anspruch nehmen, nachvollziehen und verstehen wollen. Oder diese sogar selbst bauen und verbessern wollen. Das SunZilla ist open source, da wir davon überzeugt sind, dass wir davon profitieren, wenn Menschen weitere neue Module für das SunZilla-System entwickeln oder bestehende Module weiterentwickeln. Denkbar sind ein mobiles Windrad-Modul, ein Netzwerk-Modul für Internet-Kommunikation, ein Wasseraufbereitungs-Modul oder ein Kühl-Modul. Andere können und sollen gerne durch eigene verbesserte oder neue Entwicklungen auch wirtschaftlich profitieren.

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Welchen Rat würdet ihr jungen Sozialunternehmer*innen geben die eine ähnliche Idee in die Praxis umsetzen wollen?

Als erstes sollten sich Gründer*innen die Zeit nehmen, um herausfinden, ob sie wirklich die gleichen Ziele und zumindest ähnliche Motivationen haben. Gründer-Teams sollten Grundsätze definieren, die alle teilen, und solche Punkte herausfindet, bei deinen sie verschiedener Meinungen haben. Dabei muss sicher gestellt werden, dass diese strittigen Punkte nicht existenziell für das gemeinsam geplante Unternehmen sind. Eine gemeinsame „Identität“ mit gemeinsamen Werten ist eine elementare Basis dafür, dass ein Projekt langfristig ohne große Reibungsverluste durch Meinungsverschiedenheiten und zwischenmenschliche Probleme bestehen und sich weiter entwickeln kann. Ein gutes funktionierendes Team, das kommunizieren kann ist Gold wert! Eine Vision hilft auch immer dabei Leuten zu erklären, was ihr vorhabt.

Ein weitere Tipp: Sprecht so viel es geht mit anderen, die ähnliche Erfahrung gemacht haben oder ein ähnliches Produkt oder Dienstleistung anbieten oder entwickeln. Sprecht dabei vor allem auch (aber nicht nur – mit Leuten, die mit Projekten „gescheitert“ sind. Dort gibt es oft mehr zu lernen als bei den erfolgreichen, denke ich. Auch das Internet bietet eine unfassbare Quelle an positiven und negativen Erfahrungen von social entrepreneurs – die negativen sind dabei tatsächlich oft genauer und analytischer.

Letztlich: Ihr solltet euch niemals unterschätzen. Alleine die Tatsache, dass Ihr euch entscheidet, selbst etwas auf die Beine zu stellen, ist etwas besonders. Selbst wenn ihr auf einmal in diesen Entrepreneurs-Kreisen seid und den Eindruck habt alle machen das! Bleibt aber trotzdem realistisch und bleibt mit den Füßen auf dem Boden, was euch nicht davon abhalten soll Vision und Träume zu entwickeln.

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