avenir Zeitarbeitfirma für gefluechtete
Berlin

Gemeinnützige Zeitarbeitsfirma für Geflüchtete und andere Newcomer – ein Gründerbericht

„Kannst du mir helfen, eine Arbeit zu finden?“ – Immer wurde Martin nach einem Job gefragt als er sich als Ehrenamtlicher bei der Vermittlung von Schlaf- und Wohnplätzen für Geflüchtete engagierte. Aus dieser Erfahrung nicht wirklich weiterhelfen zu können, ist ihm eine Idee gekommen, die der Stipendiat des Ankommer-Programms im Social Impact Lab seit Kurzem in die Wirklichkeit umsetzen will: eine gemeinnützige Zeitarbeitsfirma, die Geflüchtete langfristig in faire Arbeit vermittelt.

„Wir werden ein soziales Zeitarbeitsunternehmen gründen, das Geflüchteten als Zeitarbeitskräften einen ersten Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht und das sie bei der Realisierung ihrer Berufsziele begleitet“, heißt es in der Projektbeschreibung der Gründer*innen.  Hintergrund sei eine Vielzahl von Hemmnissen wie z.B. fehlende Nachweise von Qualifikationen, Sprachprobleme oder bürokratische Hürden, die viele Unternehmen davon abhielten, Geflüchtete anzustellen. Durch ihr Modell der „sozialen Zeitarbeit“ möchte das Gründerteam von Avenir diesen Hemmnissen begegnen und Unternehmen die Möglichkeit bieten, mit wenigen unternehmerischen Risiken und bürokratischen Mehraufwand Geflüchtete zu beschäftigen. Selbst versteht sich Avenir als direkter Ansprechpartner sowohl für die Unternehmen aber auch die Geflüchteten. Diese erhalten „durch uns eine Orientierung auf dem für sie oftmals unübersichtlichen Arbeitsmarkt und werden von uns fortlaufend durch Angebote wie Sprachassistenz oder Hilfe bei Behördengängen begleitet“. Hauptziel sei es aber, dass die Geflüchteten nicht dauerhaft als Zeitarbeitskräfte tätig sind, sondern schnell eine feste Anstellung finden. Statt die Einnahmen, die aus einer Vermittlergebühr resultieren, wie klassische Zeitarbeitsfirmen als Gewinn zu verbuchen, will Avenir sie aber zur Vermittlung und Integration der der Geflüchteten reinvestieren. Er sieht dadurch für alle Beteiligten einen Gewinn: Für die Geflüchteten, „die eine erste Stelle erhalten, durch die sie sich weiterentwickeln können“; Für die Unternehmen, die eine „motivierte Arbeitskraft erhalten, in deren Zukunft sie zudem investieren.“

Von der Idee zum Finanzplan

„Ich habe Freunden von meiner Idee erzählt“, berichtet der Social-Entrepreneur, der so den Kontakt zu Sina aufgebaut hat. Ihr Wissen ist im Team gerade bei der Qualifikationsmessung der Geflüchteten gefragt. Weitere Teammitglieder sind der Syrer Ahmad Al-Dali und die Arabistik Studentin Antonia. Da das Ankommer-Stipendium derzeit nur die Arbeitsräume und Beratung einschließt müssen die Gründer*innen ihr Idee „nebenbei“ in die Tat umsetzten. Ab April bekommen sie für ihre 20-Stündige Arbeit pro Woche auch finanzielle Unterstützung.

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„Wir sind gerade dabei die Idee so konkretisieren, dass wir damit auf Förderer*innen und Partner
innen zuzugehen können“, erklärt Hackethal die derzeitige Anfangsphase. Gerade schreibt er einen Finanz- und Businessplan. „Mit dieser Einnahmekalkulation müssen wir nicht mehr nur mit Zahlen jonglieren, sondern wissen und können klar sagen, wie viel Geld wir benötigen und einnehmen.“ Damit kann das Unternehmen dann auch als gemeinnützige gGmbH eingetragen werden.

Eine weitere Aufgabe die das Team gerade zu lösen versucht ist es, das Angebot und die Nachfrage zu analysieren. „Wir versuchen die Fragen zu beantworten, was bringen viele Geflüchtet mit und was ist am Arbeitsmarkt gefragt“, sagt Hackethal, der anfangs noch in allen Arbeitsbereichen vermittelt wollte nun aber eine Strategie-Änderung vorsieht: „Vermutlich ist es sinnvoller, wenn wir uns erst mal auf einzelne Bereiche fokussieren.“

 

Zwischenziel: 20 x Zukunft in acht Monaten

Mit der letzten Gesetzesänderung wurde das Asylrecht zwar verschärft aber das Arbeitsrecht für Geflüchtete wurde gelockert: Asylsuchende können nach 15 Monaten arbeiten. In Ausnahmefällen können spezielle Fachkraft bereits nach drei Monate legal eine Arbeit aufnehmen. „Diese Regelung gilt auch für die Leiharbeit“ weiß Hackethal, dessen Ziel es ist im Juli 2016 20 Geflüchtete in Arbeit vermittelt zu haben und ihnen damit das zu bieten, was der französische Name seines zu gründenden Unternehmens verspricht: Avenir – Zukunft.

„Es wird wahrscheinlich schon notwendig sein, auch Experten aus Deutschland im Team von Avenir zu haben, die sich etwa mit Arbeitsrecht auskennen“, vermutet Hackethal. Im Idealfall hofft er aber das soziale Unternehmen hauptsächlich von Geflüchteten betreiben lassen zu können. Allein schon wegen ihrer Erfahrung als Geflüchtete, die auch die Umstände kennen, brächten sie bereits wichtige Vorerfahrungen für die Jobvermittlung mit.
Sprachliche Herausforderungen einer Unternehmensgründung

Obwohl noch ganz am Anfang der Verwirklichung ihrer Idee sind Martin und sein Team bereits auf einige Schwierigkeiten gestoßen: „Eine unserer größten Herausforderung ist es, nicht so wahrgenommen zu werden, Menschen wie im Leiharbeitsmarkt auszunutzen.“ Daher habe er zuletzt versucht das Wort ganz zu vermeiden, was die Erklärung aber mitunter umständlich macht. Während das Grundprinzip von Avenir auf der kostenpflichtigen Vermittlung von flexiblen Arbeitskräften beruht, gibt es einen grundlegenden Unterschied zu klassischen Zeitarbeitsfirmen: Gemeinnützigkeit und keine private Gewinnmaximierung durch die Vermarktung von Arbeitskräften.

Eine weitere „sprachliche Herausforderung“ ist das Wort „Geflüchteter“ selbst. „Wir nennen ‚Geflüchtete‘ intern ‚Newcomer‘ “, verrät Martin. Dies sei auf Initiative des Newcomers und Projektmitgliedes Ahmad geschehen. Die Bezeichnung „Flüchtlinge“ oder „Geflüchtete“ würde oft mit hilfsbedürftig und problematisch assoziiert. „Wir gehen davon aus aus, dass viele Geflüchteten nicht so wahrgenommen werden wollen.“ Das Wort „Newcomer“ hingegen impliziere, dass die Menschen viel mitbringen – „Das ist gewinnbringend – auch für den Arbeitsmarkt“, betont Martin: „Eine Afghanische Bäckerin könnte zum Beispiel irgendwo in Torgau in einer Bäckerei für afghanische Spezialitäten sorgen. Das ist ja was schönes.“

 

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