Die Lieben

Eine App gegen Essstörung – Interview mit den Gründer*innen von Jourvie

Foto: Bayer Stiftung

Heute schon gegessen? Für die meisten Menschen wird dies als eine belanglose Frage erscheinen. Doch es ist ein wichtige Frage für Menschen, die unter einer Essstörung leiden. In den Therapie von Magersucht, Bulimie und Esssucht müssen die Patient*innen ihr Essverhalten oft protokollieren. Weil das mit Zettel und Papier umständlich ist, habe sich schon rund 10.000 Menschen die App  Jourvie auf ihr Handy geladen. Jourvie wurde 2013 von Gründerin Ekaterina Karabasheva ins Leben gerufen. Heute arbeitet ein kleines Team in Berlin am Erfolg der App. Neben IT-Experte Georgi Alipiev und Researcherin Marie Brombach kümmert sich Anne-Laure Gestering um Design und Community Building. Verena Portsch ist für PR und Fundrasing zuständig. Startup-gefluester hat den Macher*innen von Jourvie einige Fragen gestellt.

Welches soziale Problem löst eure App?

In Deutschland leiden laut dem Deutsches Institut für Ernährungsmedizin und Diätetik schätzungsweise 2,3 Mio. Menschen an Essstörungen, wie Bulimie, Magersucht und Esssucht. Der Alltag der Betroffenen wird beherrscht von Gedanken ans Essen. Viele können deshalb nicht mehr lernen oder arbeiten und begeben sich deshalb in therapeutische Behandlung. 30% der PatientInnen erleiden Rückschläge. Durch die Krankheit können langfristige körperliche Schäden entstehen – wie zum Beispiel Herzrhythmusstörungen oder Nierenversagen. Das sind hohe Kosten für das Gesundheitssystem. Um einen Erfolg der Therapie zu garantieren, helfen Essprotokolle, das Essverhalten und Gefühle zu protokollieren. Diese papierbasierten Tabellen sind wichtig, um Verhaltensmuster zu erkennen und daran zu arbeiten.

Was macht ihr genau?

Jourvie hat eine digitale Version von Essprotokollen als gleichnamige App entwickelt, welche den PatientInnen ein diskretes und zeitnahes Festhalten des Essverhaltens erlaubt. Vorher gab es Essprotokolle nur auf Papier, die von den jungen Betroffenen ungern ausgefüllt wurden, weil sie Angst vor einem ungewollten Outing hatten. Jourvie ersetzt das altmodische Papierprotokoll und achtet dabei auf Kommunikation auf Augenhöhe und ansprechendes Design. Die App enthält außerdem eine Erinnerungsfunktion, sowie Motivations- und Bewältigungsstrategien sind in der App enthalten, um den Therapieerfolg zu erhöhen und Rückfällen entgegenzuwirken.

Und wie funktioniert es bisher?

Die App ist im Google Play Store kostenlos erhältlich. Nach dem Download können Protokolle gespeichert und direkt an den TherapeutIn verschickt werden.

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Foto: Felix Strosetzki (Ausschnitt)

 

Wie weit seid ihr bisher mit euren Anstrengungen? Was waren die wichtigsten Meilensteine?

Wir haben bereits 10.000 Downloads im Google PlayStore für unsere Android-Version. Wir freuen uns seit Oktober auch von der EU gefördert zu werden. Das Programm heißt CHEST-Projekt (Collective enHanced Environment for Social Tasks) und unterstützt SozialunternehmerInnen in innovativen Entwicklungen. Es gibt viele Anfragen für eine iOS Version, die im Moment entwickelt wird.

Erste Auswertungen gab es bereits zusammen mit der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Charité Universitätsmedizin. Die hohen Download-Zahlen zeigen das große Interesse der NutzerInnen an der App.

Was waren die Ergebnisse des Charité-Auswertung?

Zahlen aus der Evaluation mit der Charité dürfen wir noch nicht veröffentlichen, aber als Schlussfolgerung gibt es bereits folgendes zu sagen: Jourvie wird im Allgemeinen positiv evaluiert. Jugendlichen und junge Erwachsene scheinen die App als Essprotokoll in ihre Behandlung zu bevorzugen. Allerdings wird aus der Umfrage klar, dass Jourvie bisher noch wenig in der Zusammenarbeit mit Therapeuten genutzt wird. Zukünftig soll versucht werden, die App mehr in den Therapieprozess einzubinden, so dass das volle Potenzial von Jourvie genutzt wird

Auf welche Hindernisse seid ihr gestoßen? Und wie konntet ihr sie überwinden?

In Deutschland stellt sich immer die Frage: Wer zahlt für Gesundheit? Ist unsere App wirklich wirksam? Das müssen wir beweisen, damit wir von TherapeutInnen und auch Krankenkassen akzeptiert werden.

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Foto: Stiftung Bayer

Was habt ihr bisher selbst als social Entrepreneurs gelernt?

Auf das eigene Bauchgefühl vertrauen. Viele wollen Mitreden bei einem Start-Up. Die verwirren oftmals. Ratschlag von uns: Nimm die zahlreichen Ideen mit, aber vertraue deinem Bauchgefühl, wenn du eine Entscheidung triffst.

Es ist gut sich mit anderen Start-Ups bzw. UnternehmerInnen austauschen. Es ist gut zu wissen, dass andere die gleichen Herausforderungen und Problemen haben. Andere SozialunternehmerInnen können einen ermutigen oder mit Fachwissen und Erfahrung helfen.

Es ist immer hilfreich einfach nach Unterstützung fragen. Die Meisten helfen gern und können es aber erst wenn sie davon wissen.

Letztlich hilf es uns sehr mit den NutzerInnen reden, für die das Projekt gemacht ist. Es gibt unglaublich viel Energie und Inspiration, wenn man mit den Menschen spricht, an die sich das Projekt richtet. Das Feedback zu hören und die Wirkung zu sehen, ist sehr motivierend für die nächsten Schritte.

 

Was sind eure konkreten Ziele für das/die nächste Jahr(e)?

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Foto: Felix Strosetzki

Engere Zusammenarbeit mit TherapeutInnen. Denn unsere App ist therapieunterstützend und dafür müssen wir neben den PatientInnen auch TherapeutInnen in die Weiterentwicklung von Jourvie mit einbeziehen.

 

Welche Ressourcen / Hilfen könnt ihr anderen social Entrepreneurs empfehlen?

Wir können den Impact HUB Berlin empfehlen: Den Impact HUB gibt es ‘Around The World’ und ist ein Co-Working Space sowie Innovations- und Gründerzentrum für Entrepreneure mit Fokus auf Soziales und Nachhaltiges. Neben den Vorzügen der Räumlichkeiten und der Veranstaltungen ist es sehr bereichernd, von Gleichgesinnten umgeben zu sein.

Empfehlen können wir auch das Social Impact Lab: Eine deutsche Plattform für Social Entrepreneurs, Freelancer und Firmen, die in allen Bereichen des Social Entrepreneurship arbeiten. Es gibt dort ein großartiges Accelerator-Programm für Social Startups, welches einem Zugriff auf Büroplatz, Geschäftsberatung und Austausch mit anderen Start-Ups gibt.

Letztlich empfehlen wir The Changer. Dies ist eine Internetplattform für alles was sich auf Social Entrepreneurship bezieht: Neuigkeiten, Events, Jobs und Informationen, die einem dabei helfen, die eigene soziale Wirkung zu maximieren. Dort haben wir eins unserer Teammitglieder gefunden.

 

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