Die Lieben

Ein nachhaltiges Rädchen in der Textilindustrie – Jyoti-Gründerin im Interview

Angefangen hat es mit einem Freiwilliendienst in Indien und der Überzeugung, dass modische Selbsdarstellung nicht auf Kosten inidischer Näherinnen stattfinden sollte. Zusammen mit Caroline Rabe gründete Jeanine Glöyer „Jyoti“. Die kleine Firma ist Modelabel und soziale Hilfsorganisation zugleich. Unterstützt werden die beiden von Zastassja Wohnhas (Finanzen und Verwaltung), Katahrina Schiele (Presse und Öffentlichkeitsarbeit) und Maike Stiffler (Praktikantin). Im Interview mit startup-gefluester erzählen sie von ihrer Idee, den Schwirigkeiten und dem Gefühl ein „kleines Rädchen in der riesigen Textilindustrie zu sein.

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 Welches (soziale) Problem löst euer Produkt / eure Idee?

Wie für einen Großteil der Industrie, ist die Auslagerung arbeitsintensiver Prozesse in einkommensschwächere Länder wie Bangladesch, Indien oder Myanmar auch für die Textilindustrie charakteristisch. Geringe staatliche Regulierungen, sehr niedrige Lohnniveaus und schwache Gewerkschaftsstrukturen haben Textilunternehmen in den letzten Jahrzehnten dazu bewogen ihre Produktion gänzlich auszulagern. Die Folgen sind dramatisch. So arbeiten häufig Frauen und auch Kinder unter schrecklichen Arbeitsbedingungen die oftmals ihre Gesundheit und manchmal auch ihr Leben fordern für einen Lohn von dem sie nicht leben können. Wir als Jyoti – Fair Works wollen zeigen, dass muss nicht so sein! Wir zeigen: Fair Works! Wir wollen, dass unsere Mode nicht auf Kosten, sondern zu Gunsten der Produzentinnen und Produzenten entsteht. Um das garantieren zu können ist es für uns wichtig die Menschen zu kennen, die an der Produktion unserer Kleidung beteiligt sind – entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Was macht ihr genau? Und wie funktioniert es bisher?

Jeanine Glöyer verbrachte 2009 ein freies soziales Jahr in Chittapur, Indien. Konfrontiert mit den täglichen Herausforderungen und begrenzten Arbeitsbedingungen in Chittapur entstand die Idee gemeinsam mit den Frauen vor Ort eine Nähwerkstatt zu gründen. In dieser Nähwerkstatt in Chittapur bilden wir seitdem Frauen zu Näherinnen aus, bieten ihnen eine Festanstellung, zahlen ein faires Gehalt und haben ihnen in Kursen Englischunterricht und Grundlagen des Rechnens beigebracht. Anfangs waren es eher kleine Textil-Produkte mit einfachen Schnitten wie Handy-Taschen und Schals mit Sari-Stoffen vom lokalen Markt. Mittlerweile produzieren wir einmal im Jahr eine ganze Kollektion. Für uns ist es wichtig eine Jahres-Kollektion zu produzieren, die gut kombinierbar und lange tragbar ist, sowohl aus Stil- als auch aus Qualitätsgesichtspunkten. Zur Einführung der neuen Kollektionen sind wir persönlich vor Ort und zeigen den Frauen die neuen Schnitte – das nächste Mal im Januar. Ansonsten arbeiten die Frauen selbstständig. Das funktioniert sehr gut. Wir kennen unsere Stoffproduzenten persönlich und arbeiten ständig daran unsere Lieferketten weiter zu verkürzen. Dafür war letztes Jahr unsere Kollegin Carolin Hofer drei Monate in Indien und hat vor Ort tolle Stoffproduzenten recherchiert, mit denen wir nun direkt und ohne Zwischenhändler arbeiten können.

Wir legen Wert auf ökologische Nachhaltigkeit und denken deshalb schon beim Design daran, möglichst wenig Verschnitt zu produzieren, verwerten Stoffreste und recyceln Materialien, die vor Ort anfallen. Für das Design unserer neuen Jahreskollektion 2016 ist Jeanine zuständig. Die Schnitte haben wir mit Hilfe einer Bekleidungstechnikerin erstellt. Insgesamt besteht unser Team in Berlin aus vier Leuten. Wir kümmern uns um Design, Marketing, Vertrieb, die Planung der neuen Crowdfunding-Kampagne zum Start der Kollektion, die neue Homepage, die Buchhaltung ect. Wir bekommen aber auch unerlässliche Hilfe von unseren Jyoti-Experten, z.B. von Carolin, die in ständigem Whats-App-Austausch mit den Stoffproduzenten steht, die sie persönlich kennt, oder Christian, unserem IT-Experten ist.

Wie weit seid ihr bisher mit euren Anstrengungen? Was waren die wichtigsten Meilensteine?

Im November 2014 haben wir unser Unternehmen Jyoti – Fair Works offiziell als gemeinnützige UG gegründet. Die Entscheidung das vorherige Projekt als fair Fashion Brand zu etablieren war ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg hin zu unserer Vision einer nachhaltigen Textilindustrie. Die Textilindustrie werden wir alleine wohl nicht revolutionieren, aber wir zeigen, dass es durchaus geht, schöne Mode so zu produzieren, dass die Produzentinnen und Produzenten gut davon leben können. Durch die persönliche Bindung zu den Frauen, die wir seit nun mittlerweile sieben Jahren kennen, wissen wir, dass wir im Kleinen sehr viel bewirken. Das ist für uns Alle die Motivation, wenn wir uns doch mal als kleines Rädchen in der riesigen Textilindustrie fühlen.

Es sind Geschichten wie die von Halima, die uns zeigen, dass wir vieles richtig machen. Bei unserem letzten Besuch berichtete sie uns stolz, dass die Arbeit bei Jyoti ihr ein ganz neues Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung besonders für Frauen und Mädchen gegeben hat. Durch ihr sicheres Einkommen kann sie ihrer jüngste Tochter Sabia nun zur Uni schicken und wird sie nicht wie ihre ältere Tochter so schnell wie möglich verheiraten, denn: „first she shall become a bank manager, then maybe we will look for a husband! Having a well-paid job is very important for women as it makes them independent and strong!”

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Auf welche Hindernisse seid ihr gestoßen? Und wie konntet ihr sie überwinden?

Ein Unternehmen zu gründen ist eine Herausforderung. Mal läuft alles sehr gut aber es gibt immer wieder Zeiten an den verschiedenen Herausforderungen unlösbar erscheinen. Ein großes Problem war das schwierige Verhältnis zu unseren Stofflieferanten in der Vergangenheit. Es ist äußerst schwierig, von Deutschland aus Stoffproduzenten zu finden, die sowohl hohe Qualität garantieren als auch unter Bedingungen produzieren, die wir unterstützen wollen. Vor allem mit den Jersey-Stoffen unserer letzten Kollektion hatten wir Probleme. Jersey-Stoffe können nur maschinell hergestellt werden. Diese Maschinen sind sehr kapitalintensiv und so sind es vor allem größere Produzenten, die auch große Mindestabnahmemengen haben. Wir sind ein kleines Unternehmen und brauchen nur sehr geringe Mengen, können vor Ort auch nur begrenzt lagern. Wir mussten wirklich betteln, kleinere Mengen zu bekommen und selbst das hat nur mit monatelanger Verspätung geklappt.

Wir haben deshalb die Entscheidung getroffen, für die neue Kollektion nur noch mit Webstoffen zu arbeiten. Webstoffe werden in Indien traditionell hergestellt, und es gibt auch viele kleine Produzenten und Kooperativen, die noch in Handarbeit Stoffe weben. Carolin war letztes Jahr drei Monate in Chittapur und hat dort vier tolle Stoffproduzenten ausfindig gemacht. Das war ein großer Durchbruch für uns!

Eine Herausforderung vor der wir jetzt gerade stehen, ist es unseren Absatz in Deutschland deutlich zu erhöhen. Dazu arbeiten wir ab der neuen Kollektion verstärkt mit dem Einzelhandel zusammen, um nicht mehr ausschließlich von unseren Online-Store abhängig zu sein.
Was habt ihr bisher selbst als social Entrepreneurs gelernt? (Oder: Aus welchen Fehlern habt ihr was gelernt?)

Wir denken, dass es sehr wichtig ist an seine Idee zu glauben und daran festzuhalten. Ein Unternehmen zu gründen und am Leben zu halten ist wie eine Achterbahnfahrt. Manchmal ist man ganz oben und alles läuft super, aber es gibt auch Zeiten die sehr schwierig sind und in denen man nicht genau weiß wie es weitergeht. Doch der Glaube an die Idee und die sichtbaren Veränderungen zu denen man beiträgt, motivieren zum Weitermachen. Es findet sich immer ein Weg, auch wenn die Lösung manchmal unmöglich scheint. Zudem hat unsere Erfahrung gezeigt, dass es von Vorteil ist seine Erwartungen zu reduzieren. Zu hohe Erwartungen führen oft zu Enttäuschungen und demotivieren. Daher ist es viel schöner die Erwartungen so gering wie möglich zu halten und sich immer freuen zu können, wenn etwas Mal unerwartet gut ausfällt.

Als SozialunternehmerIn ist es manchmal sehr schwierig seine Idee und damit Verantwortung an andere abzugeben. Normalerweise ist es jedoch sehr hilfreich Unterstützung von anderen zu erfahren, die interessantes und hilfreiches Feedback und Ideen liefern. Zudem ist es viel einfacher die Verantwortung für ein Unternehmen auf verschiedene Schultern zu teilen, als wenn man sie ganz alleine trägt.

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Was sind eure konkreten Ziele für das/die nächste Jahr(e)?

Wir wollen durch unsere neue Kollektion unseren Stil noch klarer definieren und uns als “Fair Fashion Label” etablieren. Im Zuge der neuen Kollektion erhoffen wir uns eine vermehrte Kooperation mit dem Einzelhandel. Durch die weitere Reichweite erhoffen wir uns langfristig die Möglichkeit, eine weitere Nähwerkstatt in Indien aufbauen zu können. Wir wollen gerne noch mehr Frauen die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben bieten.

Welche Ressourcen und Hilfen könnt ihr anderen social Entrepreneurs empfehlen?

Wir als soziales Unternehmen haben sehr positive Erfahrungen durch die Kooperation mit verschiedenen anderen kleinen Start-ups gemacht. In unserem derzeitigen Co-Working-space in Neukölln arbeiten viele kleinere und größere Unternehmen, die sich gegenseitig unterstützen. Da jedes Unternehmen an einem anderen Projekt arbeitet kommen viel Wissen und verschiedene Fähigkeiten zusammen mit denen man sich gegenseitig hilft.

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